Selbstfürsorge — ein Wort, das polarisiert
Als ich mich 2017 hauptberuflich selbstständig machte, war mir eines von Anfang an klar: Es soll nicht nur um Ernährung gehen, nicht nur um Entspannung, nicht nur um einzelne Puzzleteile — sondern um das große Ganze. Aus einer vorherigen Tätigkeit rund um gesundes Kochen und Ernährung wurde etwas Ganzheitlicheres, und ich fand meinen Begriff dafür: FEELGOOD Trainerin. Mit dem Ziel, Frauen dabei zu unterstützen, eine gute Selbstfürsorge für sich zu entwickeln.
Und genau da begann auch der erste Widerstand — nicht gegen das Thema, sondern gegen das Wort. In einem Erfolgsteam, in dem ich damals aktiv war, hieß es: Selbstfürsorge, das ist zu sperrig. Das kommt nicht an. Nenn es anders.
Ich habe eine Weile hin und her überlegt, habe verschiedene Begriffe ausprobiert. Und bin immer wieder zur Selbstfürsorge zurückgekehrt. Weil es das richtige Wort ist. Weil es genau das sagt, was ich meine: Sorge für dich selbst. Fürsorge kennen wir für Kinder, für Eltern, für Haustiere — wir kennen sogar den Begriff der Fürsorgepflicht. Diese Pflicht, gut für jemanden zu sorgen, haben wir auch für uns selbst. Und das finde ich elementar wichtig.
Was uns zu Selbstfürsorge durch Social Media suggeriert wird
Scrolle ich heute durch Social Media, begegnen mir im Wesentlichen zwei Bilder von Selbstfürsorge. Das eine ist Wellness: Kerzenlicht, warmes Wasser, ein Buch, vielleicht ein Glas Wein. Tu dir was Gutes, gönn dir eine Auszeit. Das andere ist Optimierung: Steh um fünf Uhr auf, meditiere, journale, laufe dreißig Minuten — und das jeden einzelnen Tag, am besten noch bevor die Familie aufwacht.
Beides stört mich, und ich möchte erklären warum.
Das erste Bild macht Selbstfürsorge zu einem Nice-to-have, zu etwas, das ich mir gönne, wenn Zeit und Energie es zulassen. Es koppelt Selbstfürsorge an Konsum, an besondere Momente, an Produkte — und impliziert damit gleichzeitig, dass sie im normalen Alltag keinen Platz hat. Das zweite Bild macht Selbstfürsorge zu einem weiteren Punkt auf einer Liste, die eh schon zu lang ist. Es verpackt sie als Disziplin, als Leistung, als etwas, das man entweder richtig macht oder eben nicht.
Für Frauen, die bereits jonglieren — Beruf, Familie, Verantwortung, das ständige Mitdenken für alle anderen — fühlen sich beide Bilder gleich an: wie ein weiterer Anspruch von außen, den sie wieder nicht erfüllen. Und das macht etwas mit uns. Es erzeugt das Gefühl, dass wir selbst an unserer Erschöpfung schuld sind, weil wir es einfach nicht hinbekommen, uns die Zeit für die Badewanne zu nehmen oder früh genug aufzustehen.
Das ist nicht fair. Und es ist auch nicht wahr.
Was ich in meiner Arbeit immer wieder sehe
Die Frauen, mit denen ich arbeite, sind gut organisiert. Sie sind beruflich engagiert, viele sind selbstständig oder tragen in ihrem Job viel Verantwortung. Gleichzeitig kümmern sie sich um die Familie, manchmal um kleine Kinder, manchmal schon um die eigenen Eltern. Sie denken mit — und zwar nicht nur für sich, sondern für alle um sie herum. Sie halten vieles zusammen, oft unsichtbar und ohne großes Aufheben.
Und dann, nicht trotzdem, sondern genau deshalb, bleibt am Ende des Tages oft das Gefühl, dass die eigene Energie nicht reicht. Dass da nichts mehr übrig ist.
Was ich immer wieder beobachte: Diese Frauen sind brillant darin, für andere zu sorgen. Sie kennen die Bedürfnisse ihrer Kinder, ihrer Kund:innen, ihrer Kolleg:innen oft besser als deren eigene. Aber wenn ich frage, was sie selbst brauchen, was sie wirklich auffüllt, was ihnen Kraft gibt, dann kommt oft erst mal Stille. Oder eine Antwort, die wieder mit den anderen beginnt: „Wenn es der Familie gut geht, geht es mir auch gut.”
Das stimmt. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Denn irgendwann ist das Konto leer. Und dann stehen diese Frauen vor der Frage, wer sie eigentlich sind, wenn sie gerade nicht für jemand anderen zuständig sind. Diese Frage kenne ich auch aus eigener Erfahrung — und sie ist der Grund, warum ich tue, was ich tue.
Selbstfürsorge als Haltung und als Basis für alles andere
Was mir durch meine eigene Erfahrung und durch meine Arbeit klar geworden ist: Selbstfürsorge ist keine Handlung, sondern eine Haltung. Eine Art, wie ich mit mir selbst umgehe — täglich, in den kleinen Momenten, in denen niemand zuschaut.
Das bedeutet konkret, mir zu fragen: Sage ich Nein, bevor ich auf Reserve fahre, oder erst wenn es schon zu spät ist? Erlaube ich mir, müde zu sein, ohne es sofort wegzuorganisieren? Behandle ich mich mit derselben Freundlichkeit, die ich anderen Menschen selbstverständlich entgegenbringe? Nehme ich meine eigenen Bedürfnisse ernst, auch wenn sie gerade unbequem sind oder nicht in den Terminkalender passen?
Das hat nichts mit Wellness zu tun, und es hat auch nichts mit Disziplin zu tun. Es ist eine Grundhaltung zu sich selbst, die sich durch den ganzen Alltag zieht — egal ob ich selbstständig bin oder angestellt, ob ich Kinder habe oder nicht, ob ich gerade in einer ruhigen Phase bin oder alles gleichzeitig passiert.
Natürlich braucht auch diese Haltung einen Rahmen im Alltag, also Momente und Gewohnheiten, die sie sichtbar und spürbar machen. Aber dieser Rahmen sieht für jede Frau anders aus. Für die eine ist es Bewegung, vielleicht Schwimmen, vielleicht Tanzen, vielleicht jeden Abend spazieren gehen. Für die andere ist es stille Zeit am Morgen, ein kreatives Hobby oder regelmäßige Gespräche mit Menschen, die ihr gut tun. Es gibt kein Rezept, das für alle passt. Was es braucht, ist die Bereitschaft, überhaupt erst mal zu fragen: Was tue ich eigentlich für mich?
Ich bin das Haupträdchen
Ein Bild, das mir immer wieder hilft und das ich auch den Frauen mitgebe, mit denen ich arbeite: Der Alltag besteht aus vielen Rädchen, die ineinandergreifen — Beruf, Familie, Beziehungen, Haushalt, all das, was täglich läuft und funktionieren soll. Und mittendrin gibt es ein Haupträdchen, das all diese Bereiche antreibt und zusammenhält. In meinem Alltag bin ich dieses Haupträdchen — und in vielen Familien ist es oft genau diese eine Person, die vieles koordiniert, trägt und zusammenhält, ohne dass es groß auffällt. Und wenn dieses Haupträdchen hakt, dann merkt man das irgendwann überall.
Das klingt vielleicht selbstbezogen. Ich finde, es ist genau das Gegenteil. Es ist die wirklich nüchterne Erkenntnis, dass ich langfristig nur dann gut für andere da sein kann, wenn ich zuerst gut für mich sorge. Nicht irgendwann, wenn endlich mehr Zeit ist oder der nächste ruhigere Abschnitt kommt, sondern immer wieder, mitten im Alltag, mit dem was gerade ist.
Selbstfürsorge ist keine Kür
Deshalb ist Selbstfürsorge für mich keine Kür, kein Nice-to-have und auch kein Luxus für ruhigere Zeiten. Sie ist die Basis, auf der alles andere aufbaut. Und sie beginnt nicht mit der richtigen Routine oder dem passenden Produkt, sondern mit der Entscheidung, sich selbst gegenüber dieselbe Fürsorge aufzubringen, die man täglich so selbstverständlich für andere aufbringt.
Das ist meine Antwort auf die Frage, was Selbstfürsorge für mich bedeutet: eine Haltung, eine Entscheidung — und etwas, das ich immer wieder neu treffe.
Wenn dich diese Gedanken begleiten, findest du in meinem Machbar Newsletter regelmäßig neue Impulse rund um Selbstfürsorge im Alltag – ruhig, alltagsnah und ohne zusätzlichen Druck.
Und in der Blogparade sind viele weitere lesenswerte Beiträge zum Thema Selbstfürsorge entstanden. Vielleicht ist auch dort noch etwas dabei, das dich anspricht.
